Es gibt einen Satz, den die Generation der Babyboomer so oft gesagt hat, dass er sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat wie eine schlechte Werbung: „Früher musste man noch richtig arbeiten."

Wir haben nachgeschaut. Das stimmt — aber nicht so, wie gemeint.

Die Zahlen, die niemand vorliest

Zwischen 1970 und 1990 stieg die Produktivität in Westdeutschland um 47 Prozent. Die Reallöhne stiegen im gleichen Zeitraum um 43 Prozent. Das Verhältnis war fair, fast schon vorbildlich. Wer arbeitete, wurde dafür entlohnt.

Zwischen 2000 und 2023 stieg die Produktivität um weitere 28 Prozent. Die Reallöhne stiegen um 0,3 Prozent. Der Unterschied zwischen Produktivitätswachstum und Lohnwachstum verschwand nicht — er landete woanders. In Unternehmensgewinnen. In Immobilienpreisen. In Vermögen, die sich bis 2023 in Deutschland auf Rekordniveau konzentriert hatten.

Die Generation, die in den 1980ern eine 80-Quadratmeter-Wohnung in München für 180.000 D-Mark kaufte, vermietet dieselbe Wohnung heute für 2.400 Euro im Monat. Das ist keine Kritik. Das ist Mathematik.

Das Rentenproblem, das keines sein müsste

Deutschland hat ein Rentenproblem. Darüber sind sich alle einig. Die Ursache ist weniger konsensfähig.

Das Rentensystem ist ein Umlagesystem: Die Arbeitenden heute finanzieren die Renten von heute. Wenn die arbeitende Generation schrumpft und die Rentnerbevölkerung wächst, entsteht eine Lücke. Das ist Demographik 101.

Was weniger diskutiert wird: Diese Lücke wurde jahrzehntelang durch Zuwanderung kleingeredet, die dann politisch bekämpft wurde von genau jenen Parteien, deren Wähler am lautesten über die Rentenlücke klagen. Wir finden das bemerkenswert konsistent.

„Früher musste man noch richtig arbeiten." — Die Generation, die mit 55 in Frührente ging, als das noch möglich war.

Was wirklich passiert ist

Das Renteneintrittsalter der Babyboomer lag in Deutschland im Schnitt bei 60,3 Jahren — durch Frühverrentungsprogramme, die heute nicht mehr existieren. Die aktuelle Generation wird mit 67 in Rente gehen, wahrscheinlich mit 68 oder 69, wenn die Reformdiskussionen so weitergehen wie bisher.

Parallel dazu: Die Akademikerquote ist von unter 10 Prozent (1970) auf über 30 Prozent (2023) gestiegen. Die Ausbildungsdauer wurde länger. Wer heute mit dem Arbeiten anfängt, fängt später an — und hört später auf. Und verdient, inflationsbereinigt, in weiten Teilen nicht mehr als die Elterngeneration.

Was wir nicht sagen

Wir sagen nicht, dass die Boomer-Generation böse ist. Das wäre falsch und auch langweilig. Wir sagen, dass eine Generation, die von strukturellen Vorteilen profitiert hat — günstiger Wohnraum, starke Gewerkschaften, fair wachsende Löhne, großzügige Frühverrentung — besondere Vorsicht walten lassen sollte, bevor sie die nächste Generation über Leistungsbereitschaft belehrt.

Die Zahlen stehen jedenfalls zur Verfügung. Wer früher richtig gearbeitet hat, weiß das. Wer heute richtig arbeitet, merkt den Unterschied.