Die Bundesregierung hat ein Papier verabschiedet. Darin steht, dass künstliche Intelligenz eine ernste Bedrohung für den deutschen Arbeitsmarkt darstellt. Man werde die Entwicklung beobachten, einen Ausschuss einsetzen und gegebenenfalls Maßnahmen ergreifen.
Das ist beruhigend. Vor allem, wenn man weiß, was die letzte Maßnahme war.
2003: Die andere Automatisierung
Im Jahr 2003 verabschiedete die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder die Agenda 2010. Der Kernbaustein: Hartz IV. Das Arbeitslosengeld II ersetzte die bisherige Arbeitslosenhilfe und das Sozialhilfesystem durch ein einheitliches Grundsicherungssystem mit deutlich verschärften Zumutbarkeitsregeln.
Rund 350.000 Menschen verloren damals ihren Arbeitslosengeld-Anspruch, weil sie nun als "zumutbar beschäftigt" galten — für Jobs, die sie vorher nicht angenommen hätten. Das Niedriglohnsegment wuchs. Der Minijobsektor explodierte. Deutschland bekam den flexibelsten Arbeitsmarkt Europas und gleichzeitig die niedrigsten Reallohnzuwächse der Eurozone.
„Wir müssen uns Gedanken machen, welche Arbeitsplätze KI in Zukunft gefährdet." — Derzeit aktiver SPD-Politiker, 2024
Der Unterschied, den keiner benennt
Wenn eine Fabrik automatisiert wird und 200 Fließbandarbeiter entlässt, nennt man das Fortschritt. Die Produktivität steigt. Die Aktie steigt. Der Vorstandsvorsitzende bekommt einen Bonus.
Wenn KI einen Sachbearbeiter ersetzt, nennt man das plötzlich ein gesellschaftliches Problem, das politischer Regulierung bedarf.
Der Unterschied zwischen beiden Fällen ist nicht die Technologie. Es ist, wen es diesmal trifft. Die Bürojobs, die Mittelschicht, die Wählerschaft.
Was die Zahlen sagen
Zwischen 1991 und 2023 sank die Zahl der Industriearbeitsplätze in Deutschland von 10,8 auf 7,4 Millionen. Das sind 3,4 Millionen Stellen, die durch Automatisierung, Verlagerung und Rationalisierung verschwanden. Die Politik reagierte mit Umschulungsprogrammen, Kurzarbeiterregelungen und, ja, Hartz IV.
McKinsey schätzt, dass KI bis 2030 zwischen 3 und 4 Millionen Stellen in Deutschland verändern oder ersetzen könnte. Das ist eine ernste Zahl. Aber sie ist nicht dramatischer als das, was in den letzten dreißig Jahren bereits passiert ist — nur eben gleichmäßiger verteilt über alle Qualifikationsniveaus.
Was jetzt passiert
Ein Ausschuss wird eingesetzt. Ein Strategiepapier wird verfasst. Es wird Konferenzen geben, auf denen Experten erklären, was die Politik bereits ahnt, aber nicht sagen will: Dass die Antwort auf KI dieselbe sein wird wie die Antwort auf alle vorherigen Automatisierungswellen. Anpassung. Umschulung. Und für einen Teil der Betroffenen: Hartz IV — oder wie es dann heißt.
Der Unterschied ist diesmal nur, dass die Betroffenen Politikwissenschaftler, Buchhalter und Journalisten sein werden. Und die haben eine lautere Lobby.
Das finden wir historisch interessant.
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